Nie wieder Zweiter
Mit Born Slippy haben
Underworld einen Rave-Hit
par excellence auf die Massen
losgelassen. > Frontpage
war so beeindruckt, daß wir den Track einfach
als Soundtrack für unsere Fernsehwerbung haben
mußten. Trotzdem ist Born Slippy
nur eine Facette der Unterwelt.
Underworld, das ist ein ganzer Kosmos aus knallharten
Remixen, trippigen 16-Minuten-Opern, verschrobener
Poesie, advanceter Grafik
und fantastischen Live-Shows.
Und: Underworld, das sind vor allem drei Personen, die
man sich näher anschauen muß, um zu verstehen,
wie ihre Welt funkioniert:
Da wäre zunächst Darren Emerson. Darren ist
der jungenhafte, cute-looking Typ von nebenan. Ein
echter
Mädchenschwarm, so knuddelig, und DJ ist er auch
noch. Das hat er angefangen, als er noch jeden Tag
vom heimischen Romford in die Londoner City gefahren
ist, um in der großen Welt der Börse und
der Big Bucks den Laufburschen zu spielen. Irgendwann
kam dann der Tag der Entscheidung > > > Musik
oder Hochfinanz? Glücklicherweise nahmen ihm
diese zwei Typen aus der Nachbarschaft die Entscheidung
ab.
Karl Hyde und Rick Smith - die zwei haben schon alle
Fehler gemacht, sind in alle Fallen getappt, die das
Musicbusiness so bietet. > Karl ist einer dieser
leicht manisch wirkenden, englischen Typen mit Kurzhaarschnitt
und panischen Augen. Großgeworden im Farmland
von Worcestershire, hatte er schon von Kindesbeinen
an nur den einen Wunsch: "Ich wollte immer in
einer Band sein." Mit 13, das war Anfang der 70er,
spielte er in Gruppen, die Coverversionen bekannter
Hits in Strip-Läden & Nachtclubs zum Besten
gaben. Zu Berühmtheit gelangte er das erste Mal
mit dem Projekt >Freur, das mit "Doot Doot"
einen weltweiten Hit landen konnte.
Da war auch schon > Rick dabei, der Dritte im Bunde
bei Underworld. Er sieht aus wie jemand, der in der
Reparaturannahme deines Computer-Shops arbeiten könnte.
So eine Bastlerfresse. Man sieht ihm den Soundtüftler
an. 1986 legten
die beiden Freur ad acta und gründeten Underworld
> sozusagen Version 1.0.
Mit neunköpfigem Ensemble spielte man angefunkten
Moody-Rock und hatte vor allem in den USA riesigen
Erfolg.
Trotzdem stellte sich keinerlei Zufriedenheit mit Underworld
1.0 und dem, wofür die Band stand, ein. "Man
versuchte, uns zu etwas anderem zu machen, als wir
tatsächlich waren. Die Plattenfirma dachte sich:
'da haben wir diese Synthie-Pop-Band gesignt, und die
machen wir jetzt zu den nächsten Erasure oder
Ultravox...'"
Was natürlich Ende der Achtziger kein erstrebenswertes
Zeil sein konnte. Aber wo genau wollte man hin? Inspiration
bot diese neue Musik aus Chicago, die um '87/'88 rum
plötzlich auf illegalen Parties gespielt wurde.
"Die ersten Raves, auf die ich ging, waren so
wie Rock-Gigs zu sein pflegten als ich 13 war und es
mich einfach umgehauen hat. > Die Lichter! >
Die Sounds! > Die Spannung!
In den 80ern ging all das verloren, und ich habe es
auf Raves wiedergefunden. Rockkonzerte wurden zu der
Zeit auch immer aggressiver, und auf den Raves liebte
einfach jeder den anderen. Wir wissen inzwischen alle,
warum, aber zu der Zeit war es einfach eine unglaublich
positive Veränderung."
Aber hatten die Raves irgendwas mit Underworld zu tun,
konnte man da eine Verbindung schaffen? Ermutigung
kam von einem alten Freund:
"Der Produzent Rupert Hine sagte zu uns: 'Ihr habt
immer Dance Music gemacht, warum gebt ihr das nicht
endlich mal zu?' > > Das war die entscheidende
Erkenntnis, zu der wir nie gelangt waren, und die uns
nur jemand vermitteln konnte, der uns besser verstand,
als wir es selbst taten. Rick war begeistert und sagte,
laß uns etwas mit einem
DJ machen, und er fand Darren, der in der Nachbarschaft
wohnte. Wir wußten ja nichts über die ganze
Dance-Kultur, wir hörten nur die Platten und dachten
uns, das ist toll, aber wo ist der Zugangspunkt? Darren
hat uns die Tür zu dieser Welt geöffnet,
von der wir ein Teil sein wollten, und wir hatten verdammtes
Glück, daß wir an ihn, an einen verdammt
guten DJ geraten sind, es hätte ja auch jemand
sein können, der keine Ahnung hat."
Und so formierte sich Underworld 2.0. Das Studio hatte
man dank des Vorschusses der letzten Major-Plattenfirma
zu Hause, und so konnte man direkt loslegen. Für
den ersten Release traute man sich dann aber noch nicht,
den vorbelasteten Namen Underworld zu benutzen. Als
siebte 12" auf dem noch jungen Junior-Boys-Own-Label
erschien "Dirty/Minniapolis" unter dem Namen
Lemon Interupt. "Dirty" war eine Vorstudie
zu "Dirty Epic" auf dem ersten Longplayer
"dubnobasswithmyheadman" - ein Dancefloor-Track,
ohne Gesang, ohne langen Aufbau. Für die Albumversion
bauten Underworld "Dirty" zu einem echten
Epos um, das typisch für den nun fertig ausgebildeten
Stil der Band ist. Lange, sich stetig verändernde
Tracks mit massiven Intros, hin und her schwebend zwischen
Karls assoziativen Vocals im cut-up-haften Schnipsel-Stil
und rauhen, repetitiven, nach weiten Landschaften klingenden
Synthie-Loops, die gegen Ende immer fordender werden,
mit ätzendem Noise kollidieren, sich überschlagen,
und dann schließlich langsam ausrollen. Ein Stil,
den man auf Tracks wie "Cowgirl" oder "Mmm
Skyscraper I Love You" perfektionierte.
Gleichzeitig bastelten Underworld an ihrer Rückkehr
auf die Bühne. Auch da wollten sie nicht die ausgetrampelten
Pfade gehen: "Wir wollten keine der üblichen
Dance-PAs machen, wo irgendwann einfach der Vibe des
DJs unterbrochen wird, irgendein aufgetakelter Affe
auf die Bühne kommt und albern rumhüpft.
Wir wollen die Leute nicht bei ihrer Abfahrt unterbrechen."
Das ist ihnen mit ihrem allerersten Auftritt im Londoner
Minstry Of Sound dann auch gelungen. Die Band performte,
ohne Spotlight und ohne Ankündigung, in der DJ-Kanzel,
hinter dem Mischpult versteckt. Die Crowd tanzte frenetisch,
aber daß da ein Live-Act spielte und nicht ein
DJ auflegte, das merkten nur die wenigsten - - -
-> Konzept aufgegangen!
Ganz so unauffällig fallen die Underworld-Shows
heute nicht mehr aus. Die Band performt wieder auf
der Bühne, die für sie mit weißen Stoffbahnen,
die als Dia-Projektionsfläche dienen, verhangen
ist, genau wie die Boxentürme. Hinter einem voluminösen
Mischpult stehen Rick und Darren und jammen. Es herrscht
eine merkwürdig zwanglose Atmosphäre - die
Bandmitglieder verlassen zwischendurch mal kurz die
Bühne, betrachten in aller Ruhe das Publikum,
um dann wieder in beschäftigte Knöpfchendreherei
zu verfallen. Karl ist links vom Technik-Wust positioniert.
Er tanzt wie Maskottchen Bez zu besten Happy-Mondays-Zeiten:
spastisch gestikulierend, sich verlierend, ein echter
Joe Cocker für die Nineties. Dann schnappt er
sich die Gitarre, läßt ein paar Riffs in
den sich aufbauenden Wall Of Sound einfließen
und beginnt zu singen.
Karls Lyrics sind weit davon entfernt, traditionelle
Songtexte zu sein. Immer
mit einem Notizbuch bewaffnet unterwegs, kritzelt er
vorzugsweise auf Reisen und in Cafés seine Gedanken
nieder. Im Studio kommen die Vocals erst an letzter
Stelle zu den Tracks dazu.
"Ich mache meinen Mund nicht auf, bevor ich das
Gefühl habe, daß der Rhythmus stark genug
ist. Das finde ich auch gerade gut, daß es genau
umgekehrt ist, nicht wie bei einer Rockband, wo der
Sänger die allesbestimmende Figur ist und am Ende
noch der Drummer, der wahrscheinlich am wenigsten Geld
bekommt, seinen Part dazupacken darf."
Ist der Groove aber gefunden, dann schlägt Karl
sein Büchlein auf, sucht eine passende Stelle
heraus und beginnt mit dem Rezitieren.
"Für mich ist das eine akkuratere Abbildung
meiner Erfahrungen, als wenn ich es auf eine traditionelle
Art und Weise versuchen würde. 'my experience
of riding the train into the city of london' - das
wäre scheiße, so eine Art Poet bin ich nicht.
Ich sammele lieber Samples aus meiner Umgebung, kleine
Teile von dem, was ich sehe, und arrangiere sie in
einer nicht-linearen, fraktalen Art und Weise zusammen."
Karl hat bereits zwei Bücher mit seinen Gedichten
veröffentlicht, ein drittes mit dem Titel "Berlin"
ist in Vorbereitung. Außerdem wagt er sich demnächst
beim Bordercrossing-Festival auch das erste Mal als
Spoken-Word-Act ohne Band auf die Bühne.
Aber zurück zum Konzert. Underworld sind auf England-Tour,
noch vor Veröffentlichung des neuen Albums, die
heutige Station heißt Portsmouth und ist ein
kleines Kaff, das wahrscheinlich niemand kennen würde,
wenn hier nicht die Kanalfähren ankommen würden.
Im örtlichen Mehrzweckveranstaltungskomplex hat
sich eine illustre Mischung aus Ravern, Dorf-Ökos,
Leuten mit Oasis-T-Shirts und Normalo-Studenten versammelt.
Alle Gesichter sind zur Bühne gewandt, und doch
herrscht eine absolut untypische Konzert-Atmosphäre.
Kommunikativ irgendwie, was an der komischerweise angenehm
gemäßigt wirkenden Lautstärke liegen
mag. Keine Spur von langweiligem Auf-die-Bühne-starren-und-das-war's.
Im Gegenteil. Alles partyt. In der einen Ecke wird
mit gezappelt, woanders barfuß ausdrucksgetanzt,
irgendwo kreist eine Zigarette und es wird heftig geflirtet.
Das ist genau das Publikum, das Underworld brauchen.
"We wanna get people involved", sagt Darren...
"Du kannst uns nicht vor einen Haufen Puristen
stellen", meint Karl. Wenn den Leuten das Verständnis,
fehlt, sie sich weigern, zu tanzen, und stattdessen
mit verschränkten Armen dastehen und erwarten,
daß ihnen eine Show abgeliefert wird, die sie
sich nur anzuschauen brauchen, dann geht Karl auch
schon mal kurzentschlossen zurück ins Hotel. So
geschehen in Rotterdam und in Schweden. Die Zeit der
Kompromisse ist eben vorbei. Underworld nimmt man so,
wie sie sind, oder gar nicht.
"Wir sind nicht mehr die Idee von irgendjemand
anderem, was wir sein sollen. Das ist das Tolle an
Junior Boys Own. Man ermutigt uns, wir selbst zu sein."
Vielleicht haben Karl und Rick sich unbewußt für
die House-Community entschieden, weil sie geahnt haben,
daß hinter dem Bumm-Bumm vor allem noch eines
versteckt ist: das Versprechen eines selbstbestimmten
Lebens. Ins Studio gehen, seine Tracks machen, ohne
daß einem jemand reinredet. Pressen lassen, rausstellen.
Kein Bullshit von der Record Company. Kein Marketing-Scheiß.
Sei Du Selbst. Dieses Ziel verfolgen Karl und Rick
mit ihrer Firma Tomato, die fernab von allen eingefahrenen
Reklamebahnen künstlerische TV-Spots und Anzeigenkampagnen
produziert, ohne daß irgendwelche Agenturen dazwischenstehen
und 15% kassieren. Dasselbe will Darren erreichen,
wenn er hinter den Decks steht, auch wenn er sagt,
daß er sich nicht so viele Gedanken darüber
macht, warum er was tut. Und mit der Band, da wird
dieses Ziel gemeinsam verfolgt. "Second Toughest
In The Infants" heißt das neue Album, aber
in ihrer ganz eigenen Liga sind Underworld längst
die ersten.