Strictly-Pict

strictly rhythm

House vor dem Quantensprung

Verschiedene Hypes in Richtung schnelles Charts-Geschäft sind bereits verkündet & wieder eingekocht worden. Auch das vorschnell ausgerufene >neue Ding< wollte sich nicht einstellen.Trickreich, vielschichtig und schnell wie Underground-Music nun mal ist, verlangt sie Hingabe und ganz besondere Pflege.
Nachdem Strictly Rhythm seit gut sieben Jahren eine Maxi nach der anderen rausgehauen (mittlerweile sind es weit über 400...) hat, greift der neue deutsche Vertrieb des Labels nun eine Entwicklung auf, die sich schon seit längerem abgezeichnet hat: DJ-Stoff als Collectors-Musik, der Sound unsterblicher Nächte soll seine verdiente Position in der Pop-Geschichte bekommen. Mit einem Strictly-Gig beim Chromapark (06.04. > E-Werk/Berlin) läuten Armand van Helden, George Morél, Eric "More" Morillo und Sängerin Mone das >Unternehmen Qualitätsmusik ein.

Strictly Rhythm war und ist ein DJ-Label. Ausreißer mit Goldenen Schallplatten wie Reel To Reel sind sozusagen nebenbei angefallen. Seine Hauptacts sind seine Produzenten wie George Morel, DJ Pierre, Roger Sanchez, Louie Vega oder Armand van Helden, die in kaum einen Stadt noch nicht das Haus rockten. Doch wie hat der Siegeszug begonnen? Schließlich gehörte Strictly Rhythm weder zum einem mächtigen Medienkonzern, noch hatte man anfangs einen inhaltlichen Vorsprung zu all den vielen, kleinen Do-It-Yourself-Betrieben, die auf Teufel komm' raus elektronische Tanzmusik veröffentlichten.

New York, Produzenten-DJs und Underground-Clubs wie die Paradise Garage oder The Shelter sind, auf einen kurzen Nenner gebracht, die Koordinaten, von denen Strictly zu einem der wichtigsten Dancefloor-Label der Neunziger abheben sollte. Nach dem Ende des Funk-Labels Spring (ua. Fatback Band) suchte Geschäftsführer Mark Finckelstein nach neuen Sounds und Herausforderungen. Zusammen mit seiner umtriebigen
Mitarbeiterin Gladys Pizzaro, die fortan für die musikalischen Geschicke verantwortlich sein sollte, wurde ein neues Label aus der Taufe gehoben: Strictly Rhythm. Zur Gründungszeit Mitte 1989 war House Music von Chicago aus längst um die Welt gegangen und sorgte nach dem "Jack-Your-Body"-Fieber als Acid House in Großbritannien, Benelux & Deutschland für einen popkulturellen Erdrutsch. Während in Detroit das "Schwester-Genre" Techno heranreifte, stand New York trotz seiner großen Club-Tradition vor allem für HipHop. Gewiß, Acid-Wunderkind Todd Terry lebte in Brooklyn und über den Hudson rüber, im "Zanzibar" in New Jersey, erhoben ausgerechnet Soul-suchende Engländer
Strictly-Pict Garage House zum neuen Markenzeichen. Trotzdem fehlte New York die zentrale musikalische Hausnummer; ein Label in der vielschichtigen Tradition des legendären Manhattener Gay-Clubs "Paradise Garage", wo der abflachende Disco-Boom einst in den Underground ging und die atmosphärische Grundlage für House gelegt wurde. Es ist sicherlich kein Zufall, daß auf dem CD-Cover der ersten programmatischen Strictly-Werkschau eine Grußadresse an "Urvater" Tony Humphries zu finden ist. Im Zuge der ersten, großen Dancefloor-Erfolge wie "The Warning" von Logic, "Luv Dancing" von Underground Solution oder Simone's "My family Depends on me" könnte man annehmen, Strictly hätte sich den Gesang- und Soulsong-orientierten House-Spielarten verschrieben. Doch die Arbeiten von Todd Terry (z.B. Tech Nine, Static, CLS), Rhythm World, Black Orchid, Untouchables und natürlich die DJ-Pierre-Palette (Photon Inc., Phuture, Darkman, Audio Clash...) standen seit der Frühzeit für ein anderes, härteres, experimentelleres Strictly-Programm.
House war von Anbeginn so etwas wie die ältere Schwester von Techno; sie entwickelte sich weit weniger dynamisch und war vorerst abgekoppelt von der explosionsartigen Entwicklung, die Techno in Europa und speziell in deutschen Landen genommen hat. Für die Labelentwicklung von Strictly Rhythm lag das nicht unwesentlich am Standort New York, wo Rock, Swingbeat und HipHop als Charts-relevant gelten und House Music (wie Techno) lediglich im Underground existieren und auf Import-Bestellungen aus Europa warten kann. Dazu gesellte sich das speziellen "Street"-Verständnis von Musik-Chefin Pizzaro. Die in vielen Tracks zum Ausdruck gebrachte Verbundenheit zur hispanischen Community ist z.B. eine dieser typisch/untypischen Strictly-Eigenarten, die außerhalb eine verständige oder zumindest offene Hörer/Tänzerschaft verlangte. Strictly blieb zusammen mit geistesverwandten Labels wie Emotive, Nu Groove, Bottom Line, Guerilla und später auch Nervous (wo Strictly-Frau Gladys Pizzaro zwischenzeitlich beschäftigt war) in der Spezialisten-Ecke.

Ohne daß sich an der grundsätzlichen Strictly-Produktionsweise etwas geändert hatte, brachten die Jahre '93 und '94 den großen (Popularitäts-) Sprung nach vorn. Gladys baute das Produzenten-Spektrum nach ihrem Intermezzo bei Nervous weiter aus, George Morèl (inzwischen Vize-Musikchef) erweiterte seine eigenen Grooves durch hauseigene Unterlabel. Noch mehr >Produkte, noch mehr >Unübersichtlichkeit, but the beat goes on. Mittlerweile waren die Strictly-DJs ständige Gäste in europäischen Clubs, die Techno- und House-Szene ging aufeinander zu und DJ Pierre spielte beim letzten Mayday, beeinflußte sich zukünftig wechselseitig. Die künstlerische Basis war längst gelegt, das Spiel mit der kommerziellen Auswertung begann. Im Strictly-Fach beim Import-Plattenhändler unterdessen: Weiterhin DJ-Maxis in Einheitscovern...
Während das Import-Geschäft längst weltweit vernetzt ist und sich Strictly auf der POPkomm. 1994 & '95 mit großem (Party-)Erfolg als Label präsentiert, liegt die musikalische Entwicklung weiter allein in den magischen Händen der Produzenten und DJs: George Morel widmet sich auf seinem ersten "richtigen" Album dem klassischen Soul-Song bishin zum Gospel. Auf dem Groove-On-Sublabel baut er Leute wie DJ EFX, Bassment Culture oder Roland Clark auf. DJ Pierre belegt auf seiner Tracksammlung die unbestrittene Meisterschaft in Sachen Wild-Pitch-Technik. Nachwuchsmann Armand van Helden bringt B-Boy-Bewußtsein hinter Decks und Regler. Todd Terry/Louie Vega/Kenny Dope teilen sich ein Split-Doppelalbum...

Gegenwart und Zukunft sind - wie es sich für Strictly Rhythm gehört - unübersichtlich. Das Label wirkt wie der große Durchlauferhitzer des US-Dancefloors. Nach dem Prinzip "Viele produzieren Vieles" prägen Genies & solide Handwerker das Strictly-Prinzip. Einige bleiben länger, manche ziehen weiter und sorgen für eigene Labels und Veröffentlichungen. Musikgeschichte hat Strictly Rhythm heute schon geschrieben, allein im Back-Katalog schlummert noch so manche Entdeckung. Wie lange es noch "on and on" gehen wird? Schwer zu sagen. Oder auch nicht, wie Strictly-Europa-Koordinator Phil Cheeseman nonchalant feststellt:
"Unsere Zukunft gestaltet sich denkbar einfach. Dancemusic hat eine weltweite Relevanz & Strictly Rhythm wird alles tun, um zusammen mit seinen Produzenten das führende Label des Genres zu sein".