TechNO-Nation U SA?
San Francisco, wo früher mal alle hinwollten,
ist trotz der psychedelischen Vergangenheit längst
nicht mehr das musikalische Zentrum von einst. Daß
die Stadt trotzdem ihren Platz auf der Techno-Landkarte
hat, ist Jonah Sharp und seinem Label Reflective zu
verdanken.
Jonahs kleiner Sohn Jasper will unbedingt Batman sein
und Papa soll als Batmobil herhalten. Doch Papa kann
und will nicht, er muß sein Interview führen
& ist auch sonst ziemlich müde. Am Abend zuvor
stand an der Evolution vs. Reflective- Nacht im Londoner
Blue Note der letzte einer langen Reihe von Live-Auftritten
auf dem Programm, und morgen fliegt Familie Sharp nach
Frisco zurück.
Ein sechswöchiger Aufenthalt in seiner alten Heimat,
während dem Jonah das neue Space Time Continuum
Album Emit Ecaps promotete, geht zu Ende.
Jonah wuchs in Edinburgh auf und bekam sein erstes Schlagzeug
mit 13. Er trommelte in Jazz-Sessions und hatte mit
der Punk-Band Punching Holes sogar mal einen Top -40-Hit.
Nachdem er nach London gezogen war, startete er Anfang
der Neunziger mit Mixmaster Morris und Richard Sharp
die Space Time Parties. Ambient-Anlässe > obwohl
man das damals noch nicht so nannte < wo alles Erdenkbare
an abgedrehter Musik lief. Dann 1992, traf er während
eines Urlaubs in San Francisco seine zukünftige
Frau und beschloß auszuwandern. Jonah baute sich
schnell einen Ruf als experimentellen Techno-DJ auf,
auch, weil er in SF der Einzige war, der diese Musik
spielte. Denn San Francisco ist kein einfaches Pflaster
für alles, was jenseits von House liegt.
"In den USA ist die Housekultur tief verwurzelt,
das ist wie Blues, sehr deep. Speziell in San Francisco,
wo es all die alten Gay-Clubs gibt, die seit Jahren
House spielen. Man hört fast nirgendwo Techno.
Niemand spielt und keiner mag ihn. Ich habe Parties
organisiert mit Black Dog, Richie Hawtin oder Mixmaster
Morris, habe versucht, etwas in Gang zu bringen und
den Leuten die Musik näherzubringen, die ich mag.
Aber nichts scheint sich zu ändern. Als Carl Craig
da war, kamen 50 Leute. Wenn ich nach London komme,
ist das immer ein Wow-Erlebnis. Hier hast du all die
großen US-DJs, die nie drüben auflegen.
Wenn ich sehe, daß Derrick May auflegt, gerate
ich völlig aus dem Häuschen. Die Leute hier
haben jedoch nur ein müdes Lächeln dafür
übrig, die sehen ihn fast jede Woche. Die Clubs
in Frisco holen nie DJs von außerhalb. Es gibt
ein paar lokale DJs, die sehr groß sind und jedes
Wochenende das Line Up anführen. Irgendwann wird
das so enden, wie mit den 50jährigen Deadheads
(Greatful Dead-Fans), die immer noch an derselben Ecke
auf der Haight-Street sitzen, immer noch die selbe
Musik hören und die selben Kleider tragen. Wohlgemerkt,
ich mag House & arbeite selbst an House-Produktionen,
aber manchmal habe ich diese Einseitigkeit wirklich
satt."
Als DJ pflegt Jonah ein ziemlich breites Spektrum, all
das, was man gemeinhin so unter >guter elektronischer
Musik< versteht:
"Es gibt nichts langweiligeres als ein DJ, der
krampfhaft an seiner bestimmten Formel festhält.
Doch die Grenzen zwischen den unterschiedlichen Stilen,
die vor einigen Jahren gezogen wurden, scheinen endlich
durchbrochen zu werden. Das ist Techno, das ist House,
nein, das ist Drum & Bass - es ist doch alles dasselbe!
Alle benützen dieselben Maschinen und dieselbe
Software."
Nachdem sich sein Ruf als the DJ, who plays this weird
music in San Francisco langsam auszubreiten begann,
wurde er für eine Zusammenarbeit mit dem Psychedelic
Guru Terence McKenna angefragt. Das Projekt "Alien
Dreamtime" war die Geburtsstunde von Space Time
Continuum und brachte einen Vertrag mit Astral Werks
und das Selbstvertrauen, mit eigenen Produktionen fortzufahren.
Es folgten weitere Zusammenarbeiten mit Pete Namlook,
Bill Laswell, Tetsu Inoue, Davin Moufang von Source
und diverse Soloplatten, die sich alle am ehesten in
der Ambient-Ecke einordnen lassen. Doch das ist nur
die eine Seite:
"Daß viele meiner früheren Platten in
Richtung Ambient gehen, kommt daher, daß ich
vor allem mit Produzenten zusammen gearbeitet habe,
die in diesem Chill-Ding drin waren. In meinen Live-Sets
waren die Rhythmen schon immer wichtig und ich möchte
in Zukunft vermehrt damit arbeiten. Ich habe mir kürzlich
wieder ein Schlagzeug gekauft und angefangen, die Drums
zu samplen. Ich kehre zu dem zurück, was ich gelernt
habe, und endlich ist es von Nutzen. Früher habe
ich bloß in Jazz-Sessions für andere getrommelt,
jetzt kann ich es für meine eigene Musik."
Viele Produzenten, gerade im Drum & Bass, begeistern
sich im Moment fürs traditionelle Schlagzeug und
samplen es. Woher kommt dieses Interesse?
"Die Technologie ermöglicht es erst jetzt,
das so was passiert. Heute habe ich einen Computer,
in den ich einen ganzen Drumtrack einspielen und danach
überarbeiten kann. Vor drei Jahren hatte ich bloß
einen kleinen Sampler und 20 Sekunden Speichermöglichkeit.
Und die Leute mögen es, einen echten, organischen
Sound zu hören. Es ist derselbe Grund, weshalb
sie Vocals in Housetracks mögen. Das ist die menschliche
Komponente in der elektronischen Musik."
Auf dem excellenten "Emit Ecaps" Album haben die Rhythmen eine prägnantere Funktion als auf dem Vorgänger "Sea Biscuit". Sie stürmen nicht einfach drauf los, sondern sind komplex, bilden fast schon einen zweiten Melodielauf unter der eigentlichen Harmonie-Ebene. Dort tauchen immer noch diese schönen, epischen Klanglandschaften auf, die den Panoramablick der engen Zielgraden hinauf zum Höhepunkt und den Whiskey dem Speed vorzeihen. Die Hektik, der Druck des hier und jetzt, muß es passieren, bleibt außen vor, man hat schließlich so viel Zeit, wieso soll man nicht erstmal die Aussicht genießen? Ins Ziel gelangt man sowieso.
"Ich versuche, sehr unterschiedliche Klänge zu verwenden. Früher war ich mit 303 und 909 unterwegs, aber das ist zu einfach. Der Gebrauch der 303 ist beschränkt und übt irgendwie keine Faszination mehr auf mich aus. Ich habe über hundert Acidtracks produziert, und 15 davon sind wirklich gut. Aber braucht die Welt einen weiteren Acid-Track?"
Der Klang der Musik ändert sich. Was für das
Ohr nicht immer einfach ist, da es sich an all die
Töne gewöhnt hat, die seit Jahren da sind
und sie wie alte Freunde begrüßt. Aber ein
Kid kauft sich heute einen Computer oder einen Sampler,
keine 303 oder 909. Und so ändert sich die Musik.
Die Geräte hinterlassen ihre Spuren. Wie immer
schon.
Mit seinem Label Reflective, das er 1993 mit seiner
Frau Billee und zwei Freunden gegründet hat, versucht
Jonah Sharp die neuen Klänge einzufangen. Das
geht von Ambient über Techno bis zu Drum &
Bass und schließt alte englische Freunde wie
Plaid ebenso ein wie Velocette und Single Cell Orchestra
aus San Francisco, denen Jonah Sharp am Anfang teilweise
mit seiner 303 ausgeholfen hat. Aber die brauchen sie
längst nicht mehr. Reflective hat eine ganz eigenständige
Richtung eingeschlagen, nicht nur die holographischen
Logos sind außergewöhnlich. Die stammen
von Richard Sharp, der seinerzeit mit Jonah nach Frisco
ausgewandert ist und dort eine Firma für Holographic
Clothing gründete. Die Hüllen für die
limitierten LPs werden in Handarbeit hergestellt, und
wenn man alle bisherigen sieben Exemplare an die Wand
hängt, hat man eine schöne Kunstsammlung
beisammen. Leider muß man das Cover aufschneiden,
um an die Platten zu kommen. Deshalb bräuchte
man eigentlich zwei Exemplare, doch dieses Privileg
wird wohl nur denen zu Teil, die eine Woche lang das
Babysitting für Jasper übernehmen.
"Für Reflective haben wir jetzt einen Vertriebsdeal in England. Das ist großartig, so kriegt man unsere Platten in ganz Europa. In den USA ist es sehr viel schieriger. Die ganze Szene wird von großen Vertrieben dominiert, die mit dir kein Wort wechseln, wenn du nicht viel Kohle hast und eine breite Werbung garantierst. So müssen wir mit zehn verschiedenen kleinen Vertrieben zusammenarbeiten, für jedes Gebiet einen anderen. Das beansprucht viel Zeit und Aufwand. Wir arbeiten wirklich hart daran, die USA zu cracken bzw. die ganze Sache überhaupt am Leben zu erhalten. Genau deshalb kriegst du hier in den Shops alle US-Labels, weil es für sie der einzige Weg ist, um zu überleben. Es ist ein ständiger Kampf."
USA, die Techno-Provinz. Die DJs sind die einzigen,
die noch Vinyl kaufen. Es gibt immer noch keine landesweiten
Medien, die Techno featuren. In den ganzen USA spielen
die Radios dieselben stupiden Top- 40-Hits. 52 mal
24 mal pro Tag Mariah Carey. Die absolute Gleichschaltung.
Es gibt keine Information, keine Kommunikation, und
es ist schwer, etwas davon mitzukriegen, was im großen
Rest der elektronischen Welt läuft. Dazu kommen
die ungeheuren Distanzen. Die Verbindung zwischen den
Szenen von San Francisco und New York funktioniert
etwa so, wie wenn man von München nach Berlin
fahren und in der Mitte in irgendeiner Raststätte
für zwei Wochen mit Motorschaden bei lauwarmen
Würstchen & Verkehrsfunk festsitzen würde.
Die pure Verzweiflung. Kein Wunder, fahren die US-Technokids
300, 400 Meilen um irgendwo in einer gottverlassenen
Wüste eine Party zu feiern. "Amerika ist
ein Monster. Es gibt so viele Mauern, die durchbrochen
werden müssen. Techno ist da einfach noch nicht
passiert."
Aber wenns passiert, dann wohl richtig.
"Eigentlich passiert es schon. Ich habe schon öfters
an Raves mit 5.000 bis 10.000 Leuten aufgelegt. Die
gibts überall. Das Problem sind die Beschränkungen,
die dort gelten. Erstens muß jeder über
21 sein, um reinzukommen. Das schließt schon
mal die Hälfte aller Leute aus, die sicher kommen
würden. Zweitens macht die Polizei den Veranstaltern
in sehr vielen Staaten das Leben schwer. Es ist fast
unmöglich, eine kleine Party in einem Warehouse
zu veranstalten. Amerika hat ein großes Problem
mit der Gesichtslosigkeit von Techno. Die Amis lieben
Stars. Deshalb hat Moby Erfolg, weil die Leute die
Musik mit einem Gesicht verbinden können. Es ist
ein langer Weg dahin, daß wie hier Orbital Headliner
am Glastenbury Festival sind. Lollopalooza hatte zwar
letztes Jahr eine Dance Bühne, aber das war furchtbar.
Keoki hat da aufgelegt. Superstar Keoki."
Superstar?
"Ja, Superstar Keoki. Das ist eine ziemlich beängstigende
Entwicklung in den USA. Die DJs fangen an, ihren Namen
als Präfix Superstar zu verleihen. Super DJ Dimitri,
Superstar DJ Keoki, Superstar DJ Traci Lords. Sie nennen
sich selber so, und das scheint der Weg zu sein, Techno
groß zu machen. Alles wird zum Showbiz. Dimitri
ist ja noch ein ganz netter Typ, aber nimm Traci Fuckin'
Lords, sie ist die totale Beleidigung für alle
DJs"
Der ehemalige Pornostar?
"Ja, genau. Sie ist wirklich eine Beleidigung,
speziell für DJanes. Sie kriegt alle Bookings,
kann aber überhaupt nicht mixen. Sie wird gebucht,
um ihre Titten zu zeigen. Sie war auf der Lollapalooza-Tour
dabei, mit Moby, Keoki und Single Cell Orchestr, die
einzigen übrigens, die live gespielt haben und
auch wirklich etwas mit Substanz produziert hat. Wenn
das Techno in den USA repräsentiert, dann ist
das verdammt traurig. Ein großer Teil der besten
Dancemusic, die je produziert wurde, stammt aus den
USA, aber die Leute, die dafür verantwortlich
waren, leben zum Teil gar nicht mehr da, weil sie keine
Anerkennung gekriegt haben. Dafür machen Karrikaturen
wie Traci Lords das Große Geld. That sucks."
Jonah Sharp könnte sich noch stundenlang über die Nichtzustände in den USA ereifern. Doch die Pflicht ruft, und Jasper bekommt endlich sein Batmobile...