"Gehirn in Gefahr!"
Interview mit dem Beauftragten
für Drogenfragen der Bundesregierung, dem Parlamentarischen
Staatssekretär im Bundesministerium des Inneren,
Herrn Eduard Lintner (CSU)
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FP: Guten Morgen, Herr Lintner. Sie haben Frontpage
vor einem Jahr ein Interview gegeben. Wir haben regelmäßig
zu Drogenthemen berichtet. Was hat sich aus ihrer Sicht
im letzten Jahre unter dem Aspekt "Verbreitung
von Partydrogen in Deutschland" verändert?
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Lintner: Leider muß man feststellen, daß
der Anstieg weiterhin dramatisch verläuft. Insbesondere
bei der Altersgruppe zwischen 16 und 28, die Zwei-Drittel
der Konsumenten stellen, haben wir bei den Erstkonsumenten
- wie im übrigen auch bei den Sicherstellungsmengen
- erschreckende Zunahmen. Beispiel LSD: Mehr als 100%.
Was auch alarmierend ist: Wir haben inzwischen 15 Tote
im Zusammenhang mit Ecstasy-Konsum zu beklagen.
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FP: Da gibt es unterschiedliche Fälle...
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...Typisch ist, daß der Kreislauf zusammenbricht.
Aber es gibt mittlerweile Fälle von Vergiftungen
bei Ecstasy, was zeigt, daß die Substanzen hochgefährlich
sind.
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Die Ursachenwirkungsverhältnisse sind aber im Einzelfall
nicht sicher nachweisbar...
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...das ist ein bißchen akademisch. Die illegalen
Labors haften ja nicht für die Zusammensetzung
der Wirksubstanzen und daraus folgende Schäden.
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Wie hoch schätzen sie die Benutzerzahl
von Partydrogen wie Ecstasy, LSD, Amphetamine und Kokain
ein, wenn sie einen Vergleich mit den Alkohol- und
Cannabiskonsumenten vornehmen?
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Wir haben 1995 bei Ecstasy 2.086 Neukonsumenten, bei
Amphetaminen 2.800, bei LSD 681 gegenüber 278
im Vorjahr. Alle Zahlen sind stark nach oben gegangen.
Das zeigt den Trend an, wobei diese Zahlen sehr von
der Aktivität der Polizei abhängen. Nach
dem verfügbaren Material ergibt sich ein Bild
des dramatischen Anstiegs. Nimmt man als Kontrollzahl
die Sicherstellungsmengen hinzu, gab es 1994 bei Ecstasy
200.000 sichergestellte Konsumeinheiten und 1995 immerhin
rund 360.000 sichergestellte Konsumeinheiten. Auch
hier eine Zunahme von 76%. Aber dennoch: Die Zahlen
sind mit einer Dunkelziffer behaftet. Entscheidend
ist ein starker Anstieg insgesamt.
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Wie sieht es jetzt mit den Verunreinigungen von Ecstasywirksubstanzen
und Pillen aus? Die Jugend- und Drogenberatungsstelle
Hannover und der Ecstasy-Testbericht von Eve &
Rave für 1995 stellen fest, daß entgegen
den im letzten Jahr veröffentlichten Presseberichten
relativ "saubere" Ecstasy-Wirkstoffe auf
dem Schwarzmarkt sind. Was halten sie von solchen Tests,
die die Gefahreneinschätzung für User verbessern
können?
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Der Tester ist immer zu spät dran. Das vorgeschlagene
Monitoring-System hätte einen Geburtsfehler, weil
er immer nur im nachhinein testen kann. Der Test verleitet
dann zu der Annahme, das Ganze sei harmlos. Deshalb
halte ich das eher für gefährlich als nützlich.
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Wie viele derjenigen, die heute mit Partydrogen gelegentlich,
häufig bzw. regelmäßig experimentieren,
haben eigentlich harte Probleme?
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Da gibt es noch keine gesicherten Erkenntnisse. Es wird
davon berichtet, daß es nicht nur Kreislauf-Probleme
gibt, sondern auch Hirnschädigungen, doch da sind
wir auf die Nachrichten der Mediziner angewiesen. Da
die ganze Welle noch relativ jung ist, ist natürlich
auch zu befürchten, daß der Katalog der
Schäden noch nicht vollständig bekannt ist.
Ich würde mal sagen: Auch das Gehirn ist nicht
ungefährdet.
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Was halten sie von Einschätzungen im "Safer-House-
Bericht" von Eve & Rave, in dem es heißt,
Drogenmischkonsum und Amphetaminkonsum seien Schrittmacher
für Schadensvorfälle und Abhängigkeitsentwicklung?
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Von den unmittelbaren Gesundheitsschäden mal abgesehen,
ist natürlich immer die psychische Abhängigkeit
da, zu der das Experimentieren mit anderen Stoffen
typischerweise dazugehört. Drogenkarrieren zeigen,
daß die Versuchung, mal was anderes auszuprobieren,
übermächtig wird oder Stoff, den man üblicherweise
konsumiert, nicht angeboten wird - und so gerät
man doch überdurchschnittlich häufig an weitere
Suchtstoffe mit den entsprechenden Folgen.
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Die Zeitschrift "Groove" hat kürzlich
massive Aktionen von Bundesgrenzschutz und Drogenpolizei
im Umfeld um Diskotheken in Rheinland-Pfalz, in denen
Technomusik gespielt wird, dokumentiert. Der vermutete
Drogenkonsum der Diskothekenbesucher war der Anlaß,
aber ähnlich wie in Großbritanien experimentiert
durchschnittlich nur 1/4 der Besucher/Innen von Raves
und Technoparties mit Drogen und das nicht jedes Wochenende.
Viele Raver fühlen sich bereits durch die Polizei
verfolgt. Die Ergebnisse von Razzien sind relativ mager
im Ergebnis ausgefallen. Sind die Mittel der Kontrolle
nicht unverhältnismäßig und welchen
Sinn und Zweck haben sie aus Ihrer Sicht?
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Wichtig ist, daß sich eine Drogenszene, die sich
zu etablieren beginnt oder schon etabliert hat, verunsichert
wird. Ecstasy ist ja leicht zu verstecken oder loszuwerden.
So ist bei den Razzien zu erwarten, daß man sehr
viele nicht erwischt bzw. die Pillen unauffällig
verschwinden, bis die Polizei tatsächlich bei
einer Person ist. Aber durch Kontrollen gelingt es,
die Verfestigung solcher Szenen durch Verunsicherung
zu beeinflussen und sie möglicherweise zu unterbinden.
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Nun gibt es Diskothekenbesitzer, die darüber klagen,
daß es Schutzgeld-Erpressungen und ähnliches
gibt. Wie sehen sie die Situation in Deutschland?
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Daß es solche Dinge im Bereich der Diskotheken
gibt, ist ja allgemein bekannt. Welchen Umfang das
hat, ist schwer zu beurteilen. Lassen Sie mich zu den
Diskotheken noch folgendes sagen: Ich weiß nur
durch Kontakte mit einer Gruppe von Unternehmern, die
sehr viele große Diskotheken betreiben, daß
sie sehr daran interessiert sind, daß sich keine
Rauschgifte in ihren Diskotheken festsetzen. Deshalb
wollen sie auch zusammen mit uns präventive Maßnahmen
ergreifen.
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Was heißt das konkret?
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Das bedeutet z.B. Plakate, Aufkleber und Aufklärung
in den Diskotheken selber. Für uns ist das interessant,
weil sich da in größerer Zahl unsere Adressaten
versammeln.
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Nun gibt es ja viele Gruppen, wie z.B. Partypeople in
Frankfurt, mobile Szeneclubteams von Eve & Rave,
Raver aus München, die bei der Caritas engagiert
sind, die sich für Drogenaufklärung vor Ort
in den Szenen einsetzen. Gibt es da denn Förderung
für diese Initiativen?
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Ja und nein. Das kommt auf das Projekt an. Solche Projekte
müssen mit der Bundeszentrale für gesundheitliche
Aufklärung bzw. mit dem Gesundheitsministerium
abgesprochen werden. Dann kann im Einzelfall entschieden
werden, ob wir uns da engagieren. Auf die Schnelle
wird es keine Förderung geben. Die Mittel, die
wir haben, sind in diesem Jahr verplant, so daß
wir einen Vorlauf brauchen.
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Wie sieht es nun mit den Herstellern von Partydrogen
aus? Woher kommen die Substanzen?
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60% der Partydrogen kommt aus den Niederlanden, 20%
kommt über die polnische Grenze, 20% kommt aus
illegalen Labors in Deutschland. Aus den Niederlanden
kommt ebenfalls überwiegend Cannabis nach Deutschland.
Deshalb werden auf internationaler Ebene Gespräche
mit den Niederländern geführt.
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Es gibt Angaben der Landeskriminalpolizei in Mecklenburg-Vorpommern,
daß Ecstasy und Amphetamine auch aus Skandinavien
kommen.
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Ja, das ist regional etwas unterschiedlich. Aus den
Niederlanden kommen die meisten Ecstasy-Pillen, und
das hängt mit der niederländischen Drogenpolitik
zusammen.
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Soll sich die Politik der Niederländer ändern?
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Zu diesem Zwecke führen wir auf internationaler
Ebene Gespräche. Lassen sie mich anmerken, daß
die Drogensituation in Deutschland im internationalen
Vergleich nicht so dramatisch, wie z.B. in den Niederlanden
ist - auch wenn sie hier nicht ohne Gefahr ist, und
wir etwas tun müssen.
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Eine Frage zur innerdeutschen Drogenentwicklung: Man
hat ursprünglich nach der Wiedervereinigung angenommen,
daß es in den neuen Bundesländern zu einer
ähnlichen Entwicklung wie in den alten Bundesländern
kommt. Partydrogen und Cannabis sind nun da, aber Heroin
spielt in den neuen Bundesländern kaum eine Rolle.
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Ja, wir hatten befürchtet, daß sich die Rauschgift-Szenerie
in Blitzesschnelle der westlichen Situation angleicht.
Das ist Gott sei Dank nicht eingetreten. Aber wir stellen
natürlich schon fest, daß insbesondere Ecstasy,
aber auch Hasch sich in den größeren Städten
ausbreitet. Mit einer gewissen Zeitverschiebung kommt
die Situation, wie wir sie zunächst befürchtet
hatten, aber warum bei Heroin eine größere
Resistenz vorhanden zu sein scheint, ist schwer ergründbar.
Aber auch da besteht nach wie vor der Verdacht, daß
es sich nur um einen zeitlich verschobenen anderen
Ablauf handelt.
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Letzte Frage: Haben Sie eine Präventionsbotschaft
für unsere Leser?
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Ich würde mich freuen, wenn Parties nicht drogenstimuliert
abgehalten würden, sondern ohne Rauschmittel dazu
genutzt werden, zwischenmenschliche & persönliche
Kontakte herzustellen. Soziale Einbindung & sozialer
Halt ist die beste Prävention gegen Drogenmißbrauch.
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Danke für das Gespräch.