Anton Waldt-Pict

Anton Waldt,

glaub' ich steh' im waldt...

Gespräch mit dem Berliner Projekt
Anton Waldt, Tok Tok und so weiter

Anton Waldt ist ein Berliner
Projekt um Tok Tok herum. Und Tok Tok wiederum ist ein Projekt um Anton Waldt. Alles klar? Ne! Also noch mal von vorne. Anton Waldt ist Rotor, Nerk ist wiederum Anton Waldt. Polizeilich gemeldet ist keiner von denen unter diesen Namen und damit sind wir mittendrin:. Tok Tok und Anton Waldt und Rotor und Nerk sind allesLeute, die persönlich nicht dingfest gemacht werden wollen.
Weil Personen nicht wichtig sind. Weil nur die Musik zählt. So sagen sie selbst. Auf ihre Musik und ihren
Auftritt werden Mayday-Besucher (noch???) lange warten müssen, obwohl, ja obwohl die Gruppe oder das Projekt oder all diese Namen durchaus den Anspruch
erheben, für den Dancefloor zu produzieren. Für einen vielleicht etwas anderen Dancefloor als üblich.
Wer sie hören will, hat dazu von Zeit zu Zeit im Berliner "Suicide" oder beim "Frisör" Gelegenheit. Diese Orte
stehen für eine bestimmte Musik, für eine, die uns interessiert und deshalb sprachen wir mit Anton Waldt, oder sprachen wir mit Tok Tok, Rotor oder mit???? Egal.

Anton Waldt-Pict FP: Wann habt Ihr angefangen mit dem Musikmachen?
Anton Waldt: Das kam eigentlich durch das intensive Musikhören. Wenn du dich mit Musik beschäftigst, dann hast du vielleicht Lust, selbst einen Track zu machen...
Soll das heißen, daß Ihr beim Musikhören festgestellt habt, daß Euch die Platten nicht gefallen und nun selbst was anderes machen wollt?
Nein, so nicht. Aber dir gefallen Elemente, dir gefallen Strukturen oder Sounds und daraus läßt sich was anderes machen.
Samplen als absolutes Prinzip. Aber irgendwann müßt Ihr mal was gekauft haben?
Der erste Schritt war eigentlich der Plattenspieler. Das zeichnet
ja auch den Weg elektronischer Musik nach. Angefangen haben wir also mit Deejaing. Zu Techno sind wir gekommen, als 1991 der "Tresor" eröffnete.
Ach, Ihr kamt nicht aus der
Industrial-Ecke?
Schräg war das schon ... Nach den Plattenspielern kam dann ein Vierspur-Gerät und eine kleine Boss-Drum-Maschine, so was pocketmäßiges. Ja genau, mit der haben wir zum ersten Mal Musik gemacht, aber eher beim Abwaschen. Man konnte damit total trashige Beats machen. Und damit machst du dann stundenlang rum.
Wann kam der Sampler?
Den haben wir von irgendwelchen religiösen Fanatiker gekauft, gebraucht. Das war wirklich so eine christliche Sekte. Das Gerät war total gepflegt und mitgeliefert wurden auch noch viele Sounds, Kirchenmusik, Chöre und so. Dann haben wir halt entdeckt, wie man damit spielen kann. Man hat ja bestimmte Sounds im Kopf oder kriegt sie eben laufend in den Kopf, die man mal probieren möchte. So versucht man sich, manches ist auch o.k., anderes ist eben nicht befriedigend.
Und dann wird man eben ehrgeizig...
Nein...
Klar wird man ehrgeizig..
Na ja, man sagt, so muß sich das anhören und dafür sampeln wir nun dieses und jenes Geräusch ...
Ist das so die prinzipielle Art, wie
Ihr an Eure Stücke rangeht.
Ihr habt eine Idee im Kopf und dann wird angefangen. Hat sich die
Herangehensweise eigentlich verändert im Laufe der Zeit?
Du sagst zuerst, jetzt zwinge ich dem Gerät meinen Willen auf. Dann siehst Du irgendwann ein, daß es nicht geht, weil es sich eben zu "eckig" anhört, eben nicht so, wie es sein soll. Dann kommst du langsam dahinter mal nachzuschauen, was die Geräte selbst machen, du läßst dich auf Eigendynamiken ein, die da entstehen, wenn so eine Kiste vor sich hinläuft. Und so kommst du irgendwann an einen Punkt, wo du sagen kannst, so soll es sein. Wenn es dann richtig ist, dann hörst du das auch.
Laßt uns bitte noch einmal auf ein paar technische Aspekte Eurer Produktionen eingehen. Im Prinzip gibt es ja zwei Grundtypen. Die einen - nennen wir sie mal die Perfektionisten - spielen sozusagen alles in den Sequenzer ein, selbst die letzten Controllerdaten, und die anderen gehen mehr spielerisch an die Sache ran, probieren da und dort mal rum und schmeißen irgendwann den DAT-Recorder an und nehmen auf. Wie sieht das bei Euch aus?
In der Regel fangen wir mit einem einzelnen Sound an und mit diesen Sounds beschäftigt man sich dann. Klar, man sieht zu, daß man nicht nur an der Bass-Line baut.
Wo holt Ihr euch die Sachen her,
vermutlich in erster Linie von alten Platten...
Ja, wir haben eine Menge dieser monströsen 60er-Jahre-Platten. In der nächsten Phase geht es darum, diese Sounds zu Strukturen zusammenzufassen, man wirft Sounds raus oder nimmt andere rein.
Die werden dann in den Sequenzer eingespielt?
Nicht eingespielt, eher eingesetzt, teilweise auch nach geometrischen Figuren. Es gibt eben so ein paar Grundmuster, das Drei-vier-Muster zum Beispiel und davon natürlich auch Abwandlungen...
Wieviele Spuren im Sequenzer habt Ihr letztlich laufen?
Wir sind da ziemlich opulent und haben so zehn zwölf Spuren zusammen ...
Die werden unterschiedlich im Sequenzer gemutet oder arbeitet Ihr mehr mit dem Mischpult?
Wir arbeiten stark mit dem Mischpult. Wir haben so ein prima old Fashion-Pult aus den siebziger Jahren, tischplattengroß und das Ding hat vorne an der Kante so eine Polsterung, auf die man sich herrlich auflegen kann. Da hängst du drüber, hast zwei Subkanäle und viel viel Platz mit langen weichen Faderwegen. Du hast zwei Mittenregler. Die Spuren, also die verschiedenen Instrumte, laufen einfach übers Mischpult und die können wir dann muten und sonst wie aussteuern. Bei manchen Breaks, die man mit zwei Händen am Mischpult nicht hinkriegt, die muß man dann eben mit dem Sequenzer schreiben. Wenn man Glück hat, dann ist am Ende alles synchron oder auch nicht...
Wenn eine Spur daneben läuft, kann das ja auch ganz interessant klingen... Wie lange sind die Aufahmen in der Regel, soll heißen, schneidet ihr nachher noch zusammen?
Kommt drauf an, aber über zehn Minuten ist selten. Das kommt
aber auch daher, daß man sich vorher Gedanken gemacht und eine bestimmte Dichte herrscht.
Ihr macht auch Live-Auftritte. Inweit unterscheiden die sich von Studioproduktionen? Habt Ihr die Auftritte vorher in Cubase eingespielt?
Nein. Vorher ist da in der Regel der DJ und legt auf und dann
fangen wir an, in der Regel mit 'nem Drum-Computer, lassen noch eine Synthi-Spur dazu laufen, machen also keine Pause zwischen DJ-Auftritt und uns sondern mischen in das laufende DJ-Programm ein ...
Was mich in dem Zusammenhang noch interessiert. Wenn ihr Produktionen macht, habt ihr dabei sofort auch die Tanzbarkeit im Auge oder im Ohr?
Ne, so direkt nicht. Aber du fährst auf musikalische Elemente ab, die auch tanzbar sind. Ich habe vielleicht etwas andere Vorstellungen davon, auf was man alles tanzen kann. Ich stelle mir als Ideal vor, daß Leute zu Like a Tim.oder den ganz neuen Aphex Twin-Sachen
tanzen. Diese Breakt-Beats sind korrekt. Wir stellen uns also vor, daß man damit auch Disco machen kann. In dem Sinne ist immer eine Tanzfläche gemeint, auf der ich auch tanzen würde.
Wenn ihr solche Musik macht, habt ihr den Anspruch, bisher noch nicht Gehörtes zu machen?
Ne, so hört sich das zu sehr nach einer Genie-Haltung an. All der musikalische Output, der aktuell rauskommt, ist nur zu begreifen als eine Entwicklung, bei der von allen Seiten Modifikationen eingeführt werden. Aber es gibt eigentlich nichts, wo wir sofort sagen, ah ja, der Produzent oder der Musiker, das ist es. Es sind in diesem Sinne keine Einzelleistungen. Alle Namen, die wir bisher
für unsere Produktionen benutzt haben, die sind auch nicht als
Personen gemeint. Leute, die wir kennen, können diese Namen auch benutzen.
Laßt uns noch einmal direkt auf die Produktion zurückkommen. Habt Ihr eigentlich ein Lieblingsgerät, mit dem Ihr besonders gern arbeitet?
Schon, das ist die 404 von Doepfer. Weil die so schöne Bässe macht.
Und das wird so als 303-Ersatz benutzt?
(lachend) Klar, daß diese Frage kommt. Also wir fordern: 303-Verbot sofort! Nee. Uns ist diese Fetischisierung von Maschinen suspekt. Das beste Beispiel bieten hier sicherlich die 303 oder die 909. Das erinnert wirklich an das Pop-Star-Prinzip, was wir ja überwinden wollten. Dadurch, daß wir jetzt Maschinen in diese Rolle drängen, holen wir es wieder zurück. Für uns stellt sich die Frage anders. Kann ich mit dem Ding was anfangen? Hört es sich gut an? Sind die
Geräusche, sind die Sounds okay?
Aber wird da wirklich die Maschine fetischisiert? Wenn Ihr die 404
von Doepfer anführt - und das trifft
ja auch auf die 303 oder die 909
zu - da ist doch noch was anderes. Fasziniert hier nicht in erster Linie die Art, wie damit rumgespielt werden kann, dieses direkte Spielen?
Schon, aber uns ist bei der Technologix-Seite in der FP und bei einigen Interviews aufgefallen, daß da manchmal so eine Art Spezialistentum verbreitet wird...
Gut, aber das sind nun eben Spezialisten, da teilweise Jahre lang an den Maschinen rumsitzen und damit arbeiten...
Nein, es ist was anderes. Uns gefällt einfach diese unheimlich starke Aufmerksamkeit nicht, die auf die Geräte gelenkt wird. Diese Aufmerksamkeit geht dann bei anderen Sachen leider häufig verloren. Wir finden aber, daß andere Sachen wichtiger sind, Fragen wie: Für was wird dieser Sound benutzt? Was bedeutet er innerhalb eines Tracks?
Ich hätte noch eine Frage zu der speziellen Situation in Berlin. Es ist ja auffallend, daß wir hier eine ziemlich enge Clubszene haben, aber daß
auf der anderen Seite die Plattenproduktion nicht mitkommt. Liegt es daran, daß wir hier alle viel zu viel ausgehen und feiern, statt Musik zu machen?
Nee, im Idealfall hast du einen Ort, wo du die Sounds machen kannst. Und da geht man abends hin und macht das ein paar Stunden. Und weil hier alles so schön nah ist, geht man anschließend weg, um zu feiern. Und nachher fährt man wieder ins Studio und macht weiter. Da kommen dann oft die besten Sachen raus. Doch, das ist eine prima Vermischung, weil du die letzten zwei Stunden Musikhören noch mitverarbeiten kannst. Für uns ist das besser, als irgendwo zurückgezogen zu sitzen und vor sich hinzuproduzieren.
So, jetzt kommt die schon traditionelle Abschlußfrage, die nach eurem Traumgerät nämlich.
Wie müßte so ein Ding aussehen und was müßte es können?
Unsere Geräte sind leider nicht besonders livetauglich. Wir haben da das Riesenmischpult und einen Sampler, der nur so groß sein müßte wie ein Kassettenrecorder, aber tatsächlich diese dämlicheTastatur dran hat, die man nie benutzt. Durch die Rumschlepperei gehen die Dinge dann auch
langsam aber sicher kaputt. Also, wir brauchen so einen Würfel mit nem Display für den Sequenzer. Unten sind zwei RackSynthis drin, der Sampler, und oben drauf ist das Mischpult. Alles ist natürlich völlig wasserabstoßend, schluckt jeden Strom, Staub macht ihm überhaupt nichts aus und die Kiste ist ungefähr vierzig mal vierzig mal vierzig Zentimeter groß... (der Rest geht im Lachen unter)
Alles klar und besten Dank für das Gespräch.

Anton Waldt Geräteliste:

> Mitec 24-Spurmixer
> TR 909
> TR 808
> VERMONA Drum Machine
> Boss DR 220 E (Dr Rhythm)
> Roland S-50
> MS 404
> Novation Basstation
> Akai VX-90
> Atari 1040 ST
> Cubase
> JMS Synchronizer (Blaue Box)
> Alesis Quadraverb
> Alesis Microverb
> Platternspieler
> DAT Recorder

Diskografie:

Anton Waldt solo:

> Anton Waldt :
Wachstum (V-Records 006)

Toktok mit Anton Waldt:

> Toktok :
Nerk 2/160 (Gema Records)
> Toktok :
Toktok (Acid Orange 003)
> Toktok :
Toktok (Parsek 62210)
> Toktok :
Snack (V-Records 002)
> Toktok :
Beauty (Parsek Paris)