Boxen ist nicht gerade die Sportart,
an der man auf Anhieb erkennen kann,
das sich die Menschheit auf's Jahr 2000 zubewegt.
Warum aber fällt mir gerade Boxen ein?

Jetzt weiß ichs: irgendwie fällt mir diese Ähnlichkeit zwischen Fly, dem Manager und Labelchef von Bonzai-Records, und Axel Schulz auf, und ich überlege schon, ob ich mich wegen tieffliegender Champagnerflaschen bücken muß...
Aber keine Angst, Yves de Ruyter sitzt neben mir, auch wenn er eher ein schüchternder Typ ist und als Sportart den Gameboy bevorzugt. Genaugenommen passen Bonzai & Boxen gar nicht so schlecht zusammen, von wegen üble Linke & so. Apropos links. Bei den letzten Kommunalwahlen in Belgien erzielte der separatistische, fremdenfeindliche VLAAMS BLOCK 28% der Stimmen und ist damit in Antwerpen, der Heimatstadt von Bonzai-Records, die stärkste Partei. Jetzt heißt es vorsichtig sein. Terrain abstecken und wieder mal versuchen, Menschen und ihre Musik in Zusammenhänge zu rücken. Wo kommt man her und wo will man hin, wenn ja, dann mit wem? Sehr wahrscheinlich sollen Bonzai-Platten auch nur kicken und dann tschüss.
Yves selber war schon immer DJ, legt im Cherrymoon-Club in Antwerpen auf und hat vor kurzem geheiratet; Sabrina hütet nun Haus und Herd, während der Mann mit seinen Kollegen auf die Zwölf haut. Ergebnis davon ist unter vielem und anderem die Single >Yves Day, und die will man nun näher erklären. Da Yves Fremdsprachen gegenüber eher abgeneigt ist, übernimmt Fly schnell das Ruder der Konversation, wobei mir wieder einfällt, daß der Boxkampf zwischen Schulz und Botha vom Listerine-Mundspray präsentiert wurde. Na ja, wir bevorzugten beim Interview dann doch Cola, Bier und Cappucino...

Frontpage:
Yves, wo kommst du her?

Aus Marocco!

Dafür bist du aber ganz schön weiß im Gesicht...

Nein, ich komme aus Antwerpen (Belgien), wo auch der Bonzai-Shop ist und in dem wir zwei Studios haben. Dort produzieren wir fast alle Bonzai-Tracks, außer den Bonzai-Jumps-Produktionen; für die haben wir im Keller ein kleineres Studio.

Passiert es da nicht vielleicht, daß jemand die Patterns des Vorbenutzers einfach so übernimmt?

Das kann schon passieren, aber dann werden die Sounds doch meistens noch stark verändert ! Für Bonzai arbeiten ca. 15 Künstler exklusiv und 40 bis 60 als freie Produzenten.

Gibt es noch andere bekannte Label aus Antwerpen ?

Da wäre noch WONKA, die jetzt gerade Label-X neu angefangen haben. Wir haben aber keinen großen Kontakt zu denen, da sie ganz anderen Stuff machen. Eher ruhige Sachen.

Wie seht Ihr die Szene in Belgien?

Früher war alles sehr cluborientiert und die Leute mochten nicht zu Raves gehen, doch in letzter Zeit hat sich das sehr geändert. Wir hatten Raves mit 5000 - 10.000 Ravern, und ich finde, es ist schon eine große Leistung, daß sich das Publikum so geändert hat!

Wie und wann hat für Euch alles angefangen ?

Mit dem Label Bonzai haben wir '92 angefangen; Grundlage war jedoch der '90 eröffnete Bonzai-Shop, wo heutige Macher von Bonzai Kunden waren. Wir haben uns dann über die Zukunft ein paar Gedanken gemacht und jetzt sind wir schon beim vierten Studio, das wir gerade einrichten.

Was denkt ihr, wenn ihr heute in irgendwelchem Karnevals-Techno den typischen Mentasm-Belgien-Sound hört ?

Das war damals etwa ein Jahr, bevor wir unser Label angefangen haben und eigentlich war Mentasm ja gar nicht aus Belgien. Wir wollten dann auch zusammen einen anderen Sound machen.

Was war das erste Gerät im Studio?

Eine TB-303.

Warum gerade die ?

Weil das das einzige Gerät war, das ich besaß! Wenn man es genau nimmt, waren damals die ersten Geräte noch zwei Turntables und ein Mixer, da sich
ja keiner im Produzieren auskannte.
Wir haben dann aber mit einem Schlag 150-200.000 DM in Studio-Equipment investiert, damit wir auch vernüftig arbeiten konnten.

Das Geld habt ihr aber mit Euren T-Shirts wieder reingeholt !

Na ja, wir haben nach dem 2. Release mit dem Merchandizing angefangen. Wir hatten glaube ich gerade zehn Platten herausgebracht, da wurden wir von Fans nach T-Shirts befragt. Wir haben dann 200 machen lassen und die waren dann im Laden innerhalb von 15 Minuten ausverkauft. Da haben wir dann noch 200 machen lassen, dann 500 und so weiter...

Und welchen Anteil hat Merchandizing vom ganzen Geschäft?

Etwa ein Drittel !

Und kann man das noch ausbauen?

Mich interessiert nur die Musik.

Warum ist ein Bonsai-Bäumchen das Logo Eures Labels ?

Warum? Weil ich ein Label haben wollte, das schön aussieht, und damit es etwas schnittiger aussah, haben wir gemeinsam beschlossen, Bonzai mit Z zu schreiben. Ich glaube auch, daß das Design für den Erfolg von Bonzai mitverantwortlich war.

Eines Eurer Sublabel ist Bonzai-Trance; soll der Name Programm sein?

Das Material auf Bonzai-Trance ist mehr vocal- und melodieorientiert und ich weiß nicht so genau, ob das auf dem deutschen Markt so ankommen wird.

Den Begriff kommerziell würdest du aber jetzt nicht gebrauchen ?

Na ja, also......

Was könnte denn Deine Definition von kommerziell sein?!

Sobald für einen Song Werbung gemacht wird und er in die Charts kommt, ist er kommerziell ausgenutzt. Die neue Single von Yves de Ruyter wird also kommerziell sein, was wiederum nicht heißt, daß das Label Bonzai kommerziell ausgerichtet wird. Die nächsten 10 Releases sind zum Beispiel überhaupt nicht für die Charts gemacht.

Aber was macht den Sound von Yves de Ruyter so scheinbar chartkompatibel ?

Wir haben gemeinsam beschlossen, Yves als einer der ersten Artists auf dieses höhere Level zu bringen. Nachdem die Single >Calling Earth so gut lief und er dann auch noch auf der Mayday auftrat, war er dafür sehr gut geeignet.

Das Video von Yves errinnert sehr an Blade Runner! Wessen Idee war das?

Das Video ist von Frank de Wulf produziert worden, wobei wir zuerst ein Storyboard gemalt haben und dies dann mit Yves und Santini durchgesprochen haben. Es wurde dann komplett in einem Blue-Room abgreht und später dann mit den Designs kombiniert. Eigentlich war es die erste Video-Produktion für Frank und dafür ist es ziemlich gut geworden. In Los Angeles hat es dann auch den ersten Preis bei einem Video-Award bekommen; die hatten so etwas kombiniert mit Techno halt noch nie gesehen.

Eine Zeit lang seit ihr mit Stickern auf den Platten gegen Rechtsradikale angetreten. Was wurde daraus?

Eric von OUT SOON hatte uns darum gebeten. Das ist sicherlich eine gute Sache. Ich hoffe, es bringt was!!

Eine ganz andere Frage:
Wie ist Euer Verhältnis zu R&S Records in Gent ?

Ich kenne Renaat und grüße ihn, wenn ich ihn treffe. Wir arbeiten halt nicht zusammen & ich glaube, das es nur wenige Unternehmen gibt, die so wiredly-runned wie R&S sind.

Und was genau ist an
R&S so wiredly-runned ?

Das möchte ich jetzt hier nicht weiter erörtern.

Arbeiten auch Frauen bei Eurem Label ?

Ja, meine Mutter. Sie ist die Finanzexpertin!

Keine Frau als Producer oder DJ?

Nein, im Moment nicht. Marusha macht Remixe für uns, aber sonst... viele Frauen glauben wohl, daß es eine Männerwelt wäre und halten sich deshalb daraus.

Gibt es Magazine wie Frontpage auch in Belgien?

Neben ein paar kleinen Heften gibt es nur OUT SOON, die über alle Stilrichtungen berichten.

Wird es einen Yves-de-Ruyter-Live-Act geben ?

Leider nein, da er durch einen Exclusiv-Vertrag an den Cherrymoon-Club gebunden ist.

Wenn Bonzai seinen eigenen Club eröffnen würde, wie würde der aussehen ?

Dunkel und dreckig. Ich mag die Läden nicht, die nach einer Mio. Dollar aussehen. Das Sound-System wäre sehr wichtig und einiges an Licht, aber nur das richtige. Es sollten nur 1000 Leute reinpassen, das reicht.

Belgien grenzt auch an Frankreich.
Wie sind da Eure Kontakte ?

Wir sind ab & zu bei Partys in Paris, Marseilles oder Lyon, die Szene wächst dort beständig.
Das Problem scheint mir aber, das die Franzosen eben nur das mögen, was aus ihrem Land kommt. Auf Bonzai-Trance haben wir einige französische Künstler unter Vertrag und hoffen, das wir damit dort mehr Erfolg haben. In England ist es für Bonzai noch am schwersten.
Aber sonst könnte es kaum besser laufen!