Für Trip Hop hat das Londoner Label mo wax längst
die Position inne, die Strictly Rhythm einst für
House hatte: die amtliche Adresse, bei der man jede
Platte blind kaufen kann und die alle wichtigen Producer
unter einem Dach vereint. >> Michael Reinboth
erzählt die Geschichte des Labels & seines
Gründers James Lavelle.
Ohne Major Force Nippon wäre MoWax nicht denkbar
gewesen. Eine Handvoll der besten englischen DJs, darunter
Madonnas erklärter Lieblings-DJ Alex Baby von
Ronin Records, die Coldcut-Jungs Matt Black und Jonathan
Moore (Ninja Tune/N-Tone), J. Saul Kane, Mann hinter
Depth Charge, Schöpfer des Begriffs
Trip Hop und Inhaber von Vinyl Solution Records, sowie
James Lavelle waren Ende der 80er Jahre bis 1992 Plattenverkäufer
bei Honest Jon's auf der Portobello Road...
Sie alle verbindet eine besondere Leidenschaft zu Fernost,
die sich nicht nur im Namen ihrer Labels und der Grafik
ausdrückte, sondern auch dazu führte, in
Japan ganz groß im Geschäft zu sein. James
Lavelle tourte als DJ inzwischen sieben Mal im Land
der aufgehenden Sonne, obwohl er eigentlich als DJ
keinen so guten Ruf genießt wie sein Label. All
die oben Erwähnten haben heute noch starke Drähte
nach Japan. J. Saul Kane zum Beispiel hat eine der
größten Videosammlungen mit Kung-Fu-, Comic-
und Ninja-Filmen. Er hat sich inzwischen vom Plattengeschäft
zurückgezogen und einen florierenden Vertrieb
(incl-Mailorder) mit Videos aus Fernost aufgebaut.
Das jap. Kultlabel Major Force, bei dem Kudo & Tosh
maßgeblich beteiligt sind, veröffentlichte
Ende der 80er Hip-Hop-Maxis, die zumeist ohne Rap auskamen.
"Wir hatten einfach keine guten Rapper in Japan"
erzählt Kudo. Die Maxis waren in der Londoner
Clubszene so beliebt, weil sie
> 1.) ultra-rar waren,
> 2.) super kultig designt sind,
> 3.) sie extrem
phat produziert waren,
> 4.) sie harte pure HipHop-Beats
mit fremdartig klingenden Samples, oft von seltsamen,
schrägen asiatischen Soundtracks, billigen Kung-Fu-Streifen,
oder obskure futuristisch klingende Passagen aus dem
japanischen Synthie-Pop beinhalteten. HipHop meets
Plastics oder Headz made in Singapur!
Im Vergeleich zu De La Soul oder A Tribe Called Quest
klang das wirtklich komisch, mitunter abstrakt und
nahm auch teilweise den Post-Bristol-Sound von
SMith &Mighty, Tricky, Massive Attack, 3MP, reborn,
The Federartion, Sean Oliver oder Jeremy Allom,
Fresh 4 oder Earthling vorweg. Heute klingt der Major-Force-Sound
etwas überholt, aber vor fünf Jahren war
es das Ding, speziell in London.
Es lag also nahe,
daß Kudo & Tosh (später zusammen mit
Howie B.: Skylab) nach London übersiedelten. Auch
ein paar coole, vor allem aber die open minded Ami-Rapper
erwähnten Major Force in ihren Credits. Kudo und
Tosh hingen fast täglich bei James im Honest Jon's
ab. 1992 gründeten sie Major Force West und teilten
sich ein Büro mit dem frischgegründeten MoWax.
Im Prinzip war Major Force West und MoWax eine Firma.
James Lavelle hatte findige und erfahrene Geschäftspartner
aufgerissen, die diese beiden Babys finanzierten und
vertraglich die Major-Force-Crew ins Label einbanden
(DJ Takemura, El-Malo, DJ Krush, Love T.K.O., JazzHipJap-Compilation).
James Lavelle war mit 17 selbst noch so blutjung, im
Business total unerfahren, aber ein absoluter Maniac,
Narr und Recordjunkie, weshalb man ihm den Namen Holygoof
verpaßte ("I don't like it anymore",
J.L.). Er trug über zwei Jahre lang eine kaputte
Brille, ein Glas war ausgesprungen und ein Bügel
abgebrochen, aber diese Brille war einfach hyped!
Ein soundso-Kultmodell einer obskuren Firma, deren Name
mir heute nicht mehr einfällt. Er konnte zum Beispiel
kaum Snowboard fahren, hatte sich aber 1994 zum "Vision"-Boardercross
das Kultboard schlechthin von einem befreundeten Profifahrer
ausgeliehen
und stach damit alle aus. Keiner schafft es in so kurzer
Zeit so viele alte oder neue Kultplatten zu organisieren.
"Ach Holygoof", schmunzelt Kollege Gilles
Peterson von Talkin' Loud, "Ich habe Respekt vor
James. Unglaublich, wie der sich in wenigen Jahren
eine mehr oder weniger 40-jährige Jazz-Historie,
dazu nebenbei Techno und HipHop, angeeignet hat, das
ist einmalig. Er ist süchtig, wie ich!".
Ab und zu legen beide Jazz, Techno, Jungle oder sonstige
Trip-Trax montags in der Rumba Bar auf. James hat seinen
eigenen Tag (sonntags) im Blue Note, wo fast nur ebenso
junge Hipsterteenies und Japaner rumstehen & auf
die Label-Etiketten schauen.
Als 17jähriger HipHop-Fan und Plattenverkäufer
in einem DJ- und Jazz-Laden zapfte er alle Quellen
an, die es gab. Langjährig respektierte Rare-Grrove-
und Jazz-DJs wie Gilles Peterson und Norman Jay schmunzelten
zunächst ein bißchen über ihn. Aber
nachdem er 1992, noch bevor MoWax überhaupt bekannt
war, drei Gastspiel-Einladungen nach Japan, Deutschland
und Frankreich hatte, achteten sie ihn plötzlich.
Für alle bekannteren englischen DJs gilt nach
wie vor: Auslandsgigs untermauern den Kult und Hype,
das war bei James der Extremfall. 1993 nekam er auch
als DJ in London seine Chance, die er sich inzwischen
allerdings etwas verspielt hat. Zu extrem, sagen die
einen, zu wenig DJ die anderen. "Ich möchte
nur noch auflegen, was ich will", sagt er selbst,
"alles andere interessiert mich nicht. Jeder ist
heute irgendwie DJ, das ist langweilig." Er ist
auch der mit Sicherheit bessere und clevere A&R-Typ:
er weiß hundertprozentig was wo läuft, er
hat eine Vision, er kennt - wie gesagt - tausende von
Kultplatten, ist wißbegierig nach Neuem, er will
was Eigenes schaffen, und ist musikalisch offen in
alle Richtungen. Letzteres ist vielleicht das Wichtigste,
um Künstler
wie Mark Broom, Musiker von Warp, Luke Vipert alias
Wagon Christ, Patrik Pulsinger oder
Carl Craig ebenso für sich zu gewinnen wie die
Beastie Boys, Futura 2000 oder den maßgebenden
Grafik-designer Swifty. Die grenz- und zeitüberschreitende
Verbnindung von alten Heroes mit neuen Namen, die alten
und neuen Techniken, das Erprobte kombiniert mit weiterentwickeltem
Design, macht MoWax zu einem der wenigen Labels, die
Techno-; Acid-Jazz- und HipHop-Fans gleichermaßen
ansprechen. Und wie kaum ein anderer wissen die MoWaxler,
wie man etwas hypet. Hype ist das A&O eines A&R.
Seit dem dicken Deal mit A&M-Records in England
hat man das Geld, diesen Hype noch kostspieligere in
Form von Extra-Mixen, eigens designten limited DJ-editions,
Booklets oder Presse-Promo-Items zu forcieren. Trotzdem
krigen nur ein paar Wenige diese Specials.
Das einzige Problem, das James plagt: ihm gehört
MoWax nicht selbst - geschäftstüchtige Drahtzieher
stehen im Hintergrund. Eines Tages, versichert er,
werde er sein eigenes Label machen. Nun dachten viele,
Excursions sei sein eigenes Ding, aber dem ist nicht
so, wenngleich er daran finanziell erstmals beteiligt
wurde. Wenn man so jung ist (inzwischen 21), läßt
man sich schnell vom Schallplatten-Business überrollen.
Die Erfahrung mußte er machen, und muß
er weiterhin machen. Nebenbei hat er sein eigenes Plattenprojekt
U.N.K.L.E., für das er gerade im Beastie-Boys-Studio
in L.A. Aufnahmen mit Money Mark, Mike D und DJ Shadow
abschloss, und das im Februar erscheinen soll. All
seine Verbindungen, sei es zu den Beasties, den hippen
Japanern,
zu den avanciertesten Sportsware-Herstellern, beruhten
auf dem Hype um zunächst Major Force, dann MoWax.
"Jedes Detail ist wichtig, sonst funktioniert
das nicht", meint James mit verschmitztem Grinsen.
"Nimm etwas sehr gutes altes, was die Leute nicht
kennen, etwa ein Sample von Sun Ra. Veränder es
so, geh kreativ damit um, daß es nicht mehr so
klingt, wie es mal war. Nimm einen Bassliner und laß
ihn nicht so tuckern wie im Techno. Oder die SP-12-Sampling-Drummachine.
Das ist Old School und New School. Erst wurde die SP-12
im Hip Hop und Electro eingestzt, jetzt kommt sie überall
zum Einsatz, bei Techno, Electro, dem neuen Brazil-
oder Junglezeug."
Zu wissen, in welchem Maße die Zugehörigkeiten
oder Hörgewohnheiten verschwimmen, sich überlappen,
sich Subszenen gegenseitig beeinflussen, ist ihm äußerst
wichtig und er tut alles, um immer aufs Neue up to
date zu sein. James Lavelle ist absolut kein Studiocrack,
wie sollte er auch mit 21, aber erinformiert sich trotzdem,
wer womit wie hantiert. Das zeigen die nächsten
Veröffentlichungen auf MoWax und Excursions, allen
voran ein Klassiker, der damals den meisten Techno-DJs
viel zu schwieirg war und nur von ganz wenigen kreativen
DJs überhaupt in ein Programnm eingebaut werden
konnte. Dieser Track ist eigentlich eher in der Headz-,
Jungle- und progressiveren Jazzgroove-Szene zu seinen
Ehren, und damit auch früh MoWax zu Ohren gekommen.
Gemeint ist die Kultnummer "Bug In The Bass Bin"
von Carl Craig unter dem Namen Innerzone Orchestra,
die mit neuen Mixen von Carl wiederaufgelegt wird.
Mo wax on MoWax: Urban Tribe, ein Projekt von Carl
Craig und Sheread Ingram, neues von Steve Stasis, Midnight
Funk Association (das sind Mark Broom und Dave Hill
von Pure Plastic) sowie eine Platte von Baby Ford unter
seinem Namen Peter Ford. Auf Excursions: Andrea Parker
mit zwei Electro-Maxis "Melodiouth Funk"
und später "Rocking Chair" sowie Solo
mit einem Soloding und Solo feat. Rize "Pressure"
mit einem Jungle-Remix von Peshay. Alben von Attica
Blues, DJ Shadow folgen im Frühjahr.
Mo Wax und/oder James Lavelle sind nicht trendy Trittbrettfahrer!
Sie folgten trotz aller ausgeklügelter Hypes keinen
ausgemachten Trends. Das tun ahnungslose Redaktionen
und Teenies. Klar, beide müssen sich nähren.
Mo Wax ist einer der wenigen interessanten Bastarde,
die schlicht und einfach diverse vorbestimmte, oft
gegenseitig vorbelastete Geschmäcker oder Styles
auf sich vereinen können, aber dabei wissen, was
die einzelnen Fraktionen so tun. (Bestes Beispiel "Bug
In The Bass Bin", das wohl eher in einem Jazz-
oder Jungle-Kontext funktioniert). Dem einen mag das
zu wenig puristisch und unkonkret vorkommen, dem anderen
zu durchgestylt und oberflächlich, eben davon
abhängig, welcher Fraktion er angehört.
Essentielles wie bei Aphex Twin, Blue Note, Kraftwerk,
De La Soul, Public Enemy, Basic oder Coco Channel ist
bei Mo Wax deshalb nicht zu erwarten, dafür Genreübergreifendes.
James Lavelle: "Ich rede nicht über Geschmack.
Das ist wie über Trips reden. Es gibt so viele
Trips. Kraftwerk oder Public Enemy, das ist, was ich
Headz-Musik nenne! Das wirkt nicht unbedingt dope oder
trippig oder so, kann es aber trotzdem sein. Ein Trip
ist nie glasklar zu erkennen, noch läuft er sauber
ab. Wenn, wäre das eintönig und langweilig.
Kraftwerk ist nicht glasklar, aber auch nicht so undruchsichtig
wie Jungle. Es kann einfach sein, nur Beats, es kann
aber auch chaotisch, schräg sein, ein völlig
verspulter Trip. Ich mag mehrere Erlebnisse aus mehreren
Jahrzehnten in einem Stück. Intelligent Jungle
ist das erlebnis HipHop, Techno, sowas wie Sun Ra und
..."
Hier stockt er kurz. Ich werfe das Wort Easy Listening
in den Raum. J.L.: "Ja! Auch das. Da sind eine
Menge billig-klingende aber interessante Sounds drin.
Ist alles eine Frage der Kombination und der Wissens,
woher dieser oder jener Sound kommt, und warum der
jetzt hyped ist. Das ist aber nicht beliebig, das funktioniert
nach strengen Mustern und Regeln, wie auch Musik nach
mathematischen Regeln funktioniert. Aus einer langen,
komplexen reise einen collen, minimalen Track
zu machen, oder umgekehrt aus Nichts, aus cheap Sounds
etwas völlig abgefucktes, einen konkreten Trip
zu machen, that's it..."
