
Anfang '95 huschte ein Gespenst durch die britische
Presse>>>>> Jungle!
Eltern sahen ihre Kinder einer neuen Drogen- und damit
verbunden auch Musikgefahr ausgesetzt. Jungle-Raves
und vor allem die sehr pittoreske, anheimelnd unheimliche
Bildwelt, die sich speziell mit dem Wort Jungle verbinden
ließ,
füllten die Tagespresse mit immer neuen Sensationsberichten.
Englands Jugend schien einer Welle von Kriminalität,
Drogenmißbrauch (Crack) und wilder Musik ausgesetzt,
die man nicht mehr tolerieren wollte. Jungle-Raves
waren das dunkle Zentrum dieser Jugendbewegung. Mehr
als das, mußten allerdings Musikredakteure von
NME über Melody Maker bis hin zum letzten kleinen
Blatt feststellen, daß sie über Jahre hinweg
eine Szene todgeschwiegen hatten, deren musikalischer
Reichtum entgegen seiner Verschwiegenheit immer unglaublicher
angewachsen war. Die Sensationspresse war drauf
und dran, die Musikpresse an Aktualität zu übertreffen.
Das konnte natürlich niemand auf sich sitzen lassen
und die Artikel häuften sich dann ungeheuer in
jeder Zeitung, die etwas auf sich hielt. Jungle war
das musikalische Thema des 1995. Jeder, ob Indieband,
Björk, Technounderground oder was auch immer,
mußte darauf einsteigen. Majorfirmen rannten
den Produzenten die Türen ein und das Leben veränderte
sich für die eh schon hyperaktive Szene zu einem
einzigen 24-Hour-Stress. Da am Anfang dieses Medienhypes
der Gewaltaspekt eine sehr große Rolle gespielt
hatte, war es nicht verwunderlich, daß die relativ
junge Verbindung aus traditionell
krimineller Raggaszene und der Jungleszene plötzlich
eine Aufmerksamkeit bekam, die ihrem musikalischen
Wert in nichts entsprach. Ragga war immer schon ein
Teil von Hardcore gewesen, und die Überbetonung
dieses Aspekts schien eine Zeitlang alle in ihren Bann
zu ziehen. Nicht zuletzt Raggaproduzenten, die plötzlich,
das große Geld riechend, alle zu Junglists der
ersten Stunde mutierten. Der Backlash aller, die seit
Jahren ernsthaft mit ihrem ganzen Leben für die
Szene gearbeitet haben, war natürlich dementsprechend
groß. General Levy verdiente sich die eine oder
andere Morddrohung.
In Deutschland war es fast noch schlimmer, denn kaum
einer schien auch nur im entferntesten zu verstehen,
was eigentlich ablief. Alle schienen sich auf ein vollkommen
verdrehtes Jungleverständnis einlassen zu wollen,
daß Touren wie die von SOUR zu einem Underground-Event
umdeuten wollte. Viele, die auch hier schon seit Jahren
aktiv an der Szene beteiligt waren, ließen sich
glücklicherweise auf keinerlei Kompromisse ein,
unterschieden klar
den Hype, wo immer sie konnten, von den Fakten und dissten
die Raggajungleszene, wo immer es nötig war. Gegen
Mitte des Jahres schien sich dann so langsam aus all
dem Medienrummel ein wirkliches Verständnis herauszubilden,
und endlich kamen die wirklichen Originators zum Zug.
Die Gefahr war abgewandt, und das Pressespektakel hatte
sich letztendlich als ganz nützlich erwiesen.
Hardcore kam als die gewaltige, mittlerweile auf viele
Jahre zurückblickende Tradition zum Vorschein,
die es war. Die richtigen Leute bekamen die Anerkennung,
die sie verdienten, und Goldie, Moving Shadow, Alex
Reece und all die anderen wurden endlich jedem ein
Begriff. Natürlich bleibt noch immer sehr viel
zu tun, und dafür sorgen nicht zuletzt die ganzen
neuen vielversprechenden Labels, die sich in der Zwischenzeit
haben bilden können.
Wir wollen einen kleinen Überblick über diese
neuen Labels geben, die sich in der Zukunft, wenn es
nicht schon längst geschehen ist, mit Sicherheit
in die Reihe der ganz Großen eingliedern werden:
> CELLULOID RECORDS
Eins der ganz neuen Label. Roger Johnson, den man von
seinen Bassment Veröffentlichungen her kennt.
Mit Sicherheit eins der experimentellsten Labels, die
in der letzten Zeit angefangen haben.
> DREAD
Ray Keith scheint sich mit Dread mehr auf die Raveschiene
verlegt zu haben und einen ziemlichen Hype um die längst
vergessene Gitarre zu machen. Dennoch eines der wichtigen
neuen Label, dessen Werdegang man sicher mit Spannung
verfolgen wird.
> CREATIVE SOURCE
Fabios eigenes Label, auf dem unter anderem Jason &
Mark von Hidden Agenda produzieren.
Die erste EP Carlitos Way sorgte für einiges Aufsehen
in Junglekreisen, schließlich ist Fabio einer
der Urväter von Jungle, & was immer er macht
dürfte zu Recht viel Beachtung finden.
> SOURCE DIRECT
Source Direct sind Jim & Phil aus St.Albans. Seit
5 Jahren produzieren die jetzt 19jährigen schon
und haben sich mittlerweile einen Ruf aufgebaut, der
sie mitten in die allerbesten Kreise hat aufsteigen
lassen, die Hardcore
zu bieten hat. Sie veröffentlichen als Source Direct
auf Bukems Looking Good, Goldies Metalheadz, auf Odyssee,
und natürlich auf ihrem eigenen Label, Source
Direct, als Sounds Of Life auf Certificate 18, als
X-Files auf Basement, und als Oblivion auf Street Beats.
Ein Track besser als der andere, dürften sich die
beiden mit Sicherheit in Kürze mit ihrem Label
einen Ruf einhandeln, der sie direkt neben Metalheadz
& Moving Shadow stehen läßt.
> V RECORDS
> PHILLY BLUNT
Seltsamer Weise gehören diese beiden Label nicht
Roni Size und DJ Krust, obwohl nahezu alle Veröffentlichungen
von ihnen stammen, sondern den alten Helden Jumpin
Jack Frost und Brian Gee, der, wie auch Size und Krust,
aus Bristol kommt. V Records ist die Bastion für
Hardstep, der wie kein anderer Stil dieses Jahr seinen
Weg in jeden Club gemacht hat.
> FULL CYCLE
> DOPE DRAGON
Dies sind die Label von Krust und Size,
und gemeinsam mit DJ Die liefern sie auch hier alle
Platten selber ab. Dope Dragon steht dabei für
einen kompromißlosen harten Sound, der sich einerseits
schon wieder an Formation annähert, und Full Cycle
dient den beiden als Experimentierfeld. Eins der wichtigsten
Label.
> 31 RECORDS
Kaum mehr als zwei Veröffentlichungen bis jetzt,
aber wenn man den Labelowner in Betracht zieht, dann
weiß man, daß 31 Rec. zu den Geheimtips
des nächsten Jahres gehören wird. Doc Scott
dürfte schon wissen, was er tut, denn schließlich
gehört auch er zum legendären Metalheadz-Stable.
> INTALEX PRODUCTIONS
> JUMP UP
Markus Kaye und Mark Mc Kinley alias Da Intalex sind
schon allein dadurch, daß sie aus Manchester
kommen, eine Ausnahme. Bovor sie ihr eigenes Label
gründeten, landeten ihre Tracks auf Flex, Urban
Gorilla und Grand Central. Stilistisch nicht so sehr
festgelegt, aber immer besser werdend ist ihr Label
Intalex Productions mittlerweile zu einer festen größe
rangereift. Jump Up, ihr ganz neues Label, muß
sich erst noch behaupten, aber vielleicht schaffen
sie ja zusammen mit Pascal den Durchbruch des Jump-Up-Styles.
