
Mit dem Erscheinen von Goldies Manifest
>Timeless hat sich London in eine Arena der Turbulenzen
verwandelt. Nie zuvor
brüllte der Löwe so laut, nie zuvor rumpelte
die Bassline so aufdringlich. Und doch
ist eine stille, lässigere Revolution schon längst
im Gange:
Ein Stil, den Bukem bereits vor fünf Jahren auf
seiner 1. Platte >Logical Progression< kreierte
und für seine richtungsweisenden Label Good Looking
und Looking Good Rec. festgelegt hat, und deren Philosophie
in dem, neuerdings von Looking Good lizensierten Link-Track
"Amenity" artikuliert wird. Inmitten seines
jazzigen, kaleidoskopischen Arrangements reflektiert
ein Sample (aus dem John Hughes' Film
"Ferris macht blau") scheinbar über die
entspannte Atmosphäre im Speed: Ich habe es schon
mal gesagt, und ich sage es noch ein Mal. Das Leben
bewegt sich ziemlich schnell. Wenn du nicht ab und
an anhältst, um Dich umzuschauen, könntest
du es verpassen...
Keine Revolution im herkömmlichen Sinne. Bukem
beabsichtigte nur eine Veränderung des gewöhnlichen
Breakbeatschemas, um Platz fur seine persönliche
Interpretation von Hardcore zu schaffen. War "Logical
Progression" dem Rave gewidmet, so fällt
der zweite Mix des Liedes auf wegen der für 1990
ungewöhnlichen Flächen und beklemmend darken
Melodien, die sich
lethargisch dem snare-betonten Breakbeat gegenüber
verhalten. Ungezwungen, aber keineswegs oberflächlich
wirkend, erklärt LTJ Bukem: "daß zu
der Zeit, als ich diesen bestimmten Stil suchte, man
so etwas nicht fand. So mußte ich diese Musik
selber machen. Dies ist halt die Musik, die ich spielen
will."
Als zufälliger Protagonist fügte sich LTJ
Bukem dieser Rolle und gründete 1991 sein erstes
Label Good Looking Rec.. Mit seinem 1. Release, "Demons
Theme" und dem bahnbrechenden Track "Music"
definerte er das musikalische Territorium, das den
zaghaften Fluß von 12 weiteren Good-Looking-Veröffentlichungen,
über die folgenden vier Jahre verteilt, bestimmen
sollte. Ein Fluß von Flächen, so weit wie
die Wüste Gobi, von spirituell-düsteren Meldien,
von ätherisch-soulvollen Stimmen, mild kreisenden
Basslines und eleganten Breakbeatfrakturen. Das Urwaldgezwitscher-Intro
von "Demons Theme", Breakbeat und Hardcore
werden
zu Jungle umgetauft:
Rave sollte nie wieder zurückblicken.
Und das bereits zwei Jahre, bevor eine Metalheadz Platte
existierte.
Gerade dieses Engagement als DJ und Produzent in der
embryonalen Phase der Jungle-Entwicklung bestimmt LTJ
Bukems Abneigung, seine Musik in eine Sparte separat
von Jungle einordnen zu lassen. Ein Phänomen,
das sich bei seinen Rave-Auftritten durch eine banausische
Publikumsresonanz bewahrheitet.
"Natürlich ist es Jungle, was ich spiele.
Ich war seit dem Anfang dabei und ich spiele immer
noch Tracks mit ähnlichen Beats und Basslines.
Ich verwende nur andere Sounds. Ich finde eine sich
wiederholende Rückwärts-Bassline, die sogenannte
Hoover Bassline, langweilig. Ich möchte "Music"
machen und ich mag es auch düster. Ich suche
Musik, die mich gefühlsmäßig bewegt.
Dafür pushe ich mich bis zu der Grenze meiner
Kreativität. Aber ich suche immer noch kräftigere
Beats. Jungle kann man anwenden, wie man will. Andere
Musikstile werden nach rigiden Formeln komponiert."
Frech grinsen seine Augen durch seine überproportionale
Nickelbrille > sein Markenzeichen < als er auf
das kontrastreiche Wesen seiner ersten, noch immer
aktuell klingenden Platte und auf das ebenso kontrastreiche
seiner DJ-Sets anspielt: "Ich verwirre die Leute.
Sie kommen zu Speed und da spiele ich ein sanftes,
streicher-betontes Set. Das nächste Mal, daß
sie mich sehen, zerhacke ich verrückte Beats.
Man kann mich nicht einordnen. >>>Das mögen
sie nicht."
Überhaupt tat sich Danny > sein Nachname ist
unbekannt, man vermutet Williamson < schwer, dem
Werdegang des britischen Mittelklassejugendlichen zu
folgen.
Vor 28 Jahren im Süden von London geboren, wurde
er
von seiner Mutter verlassen. Er wuchs in verschiedenen
Kinderheimen auf und wurde mit acht Jahren adoptiert.
Für akademische Aktivitäten hatte er wenig
übrig.
"Ich war schon seit meiner Kindheit mit Musik beschäftigt.
Wir waren zu viert in einer Band und haben alle die
verschiedenen Instrumente beherrscht, z.B. Vibraphon
& Trommeln. Wir haben auch vor der ganzen Schule
gespielt. Allerdings wurde ich runtergeschmissen von
der Schule, weil ich nie etwas ernst nehmen konnte.
Nur Musik hat mich interessiert. Seitdem ich die Anlage
von meinem Vater bedienen konnte, habe ich Musik gespielt,
Kassetten gemacht,
von Tschaikowsky über Shadows, UB 40, Madness,
alles....."
Dann hatte er ein eigenes Reggeasoundsystem, bis 1986/87
und die obligatorische Begegnung mit den Acid Warehousepartys.
Die Begeisterung für das Elektronische packte
Bukem, als er in Ladbroke Grove Rapattack und Mastermind
hörte,
die mit zwei Plattenspielern und einem Mischpult arbeiteten.
"Ja, das ist cool, Mann, dachte ich und begann,
aus Acid House mein eigenes Ding zu schnitzen."
Heute plagt ihn eher seine DJ-Tätigkeit: "Ich
bin nur noch am verdammten DJen. Ich würde viel
lieber mehr produzieren. Es gibt nach wie vor nicht
genug von diesem Sound." Da reicht das Kontingent
an Produzenten auf seinen Labeln scheinbar nicht aus:
Tayla, Aquarius (alias Photek), Peshay und jetzt die
Dissidenten des Technolabels Evolution, Link. Am meisten
kann er noch sein unnachahmliches Speed-Club-Projekt
genießen. Dort läßt er sich vom Publikum,
von dem Ambiente, von den DJs Peshay und Fabio, von
den tiefsinnigen Sprüchen des MC Conrad und letztendlich
von der Musik fesseln & bezaubern.
"Speed ist so populär wegen der Qualität
der Musik, die dort gespielt wird. Das bekommt man
nirgendwo anders. Deshalb sprechen wir auch ein reiferes,
älteres Publikum an. Das sind die Leute, für
die ich schon 1991 Musik gemacht habe. Wir spielen
auch, was wir wollen. Auch Hip-Hop und Jazz. It's a
more chilled-out vibe. Für den Donnerstag Abend.
Du wirst einfach Speed nirgendwo anders finden, es
sei denn, man bucht mich, Fabio und Conrad zusammen.
Manchmal kommt es mir so vor wie eine frische Version
der 70er Jahre."
Somit versteht sich Speed als Hommage an die 70er Jahre
und an die Musiker, die auch für LTJ Bukem eine
so große Inspirationsquelle darstellten. "Lonnie
Liston Smith, Roy Ayers, Love Unlimited, Sylvia Strickling.
Da gibts keinen Unterschied in der Art und Weise, wie
sie einen Beat, Streicher, Basslinesund Vocals zusammengesetzt
haben. Da stehen einem die Haare zu Berge. Das kann
man heute noch spielen. Heute suchen wir gerade diesen
perfekten laxen Sound. Wir wissen jetzt, wie wir diese
Sounds samplen können. 1971, 1972 spielten sie
diese Sounds jeden Tag live. Es gab nie eine Ära
wie die 70er Jahre. Das ist schon erstaunlich."
Auf einmal holt ihn die Kaskade der Musik in seinem
Kopf ein. Ruhe, Besinnung. "Tatsächlich,
that's fucking incredible."
